Die Zeitzeugin Gertraud Fletzberger zu Besuch in der Europaschule

09.11.2018 / News Europaschule

Am 17. Oktober 2018 erzählte Gertraud Fletzberger den Schüler/innen der vierten Klassen und der Geisteswissenschaftsschiene ihre Lebensgeschichte. Sie wurde im März 1932 in Wien geboren. Der Anschluss Österreichs an das deutsche Reich stellte das gesamte Leben der damals Sechsjährigen auf den Kopf, weil ihr Vater Jude war. Bis dahin führte die Familie ein ganz normales Leben, doch unter Hitler wurden Juden aus allen Bereichen der Gesellschaft ausgeschlossen. Kurz nach dem Einmarsch verlor der Vater seine Arbeit als Rechtsanwalt. Die Mutter erhielt keine Erlaubnis, eine Schneiderei aufzumachen, da sie mit einem Juden verheiratet war. Dann kam die Gestapo zu ihnen Hause und forderte die Familie auf, aus ihrer auszuziehen. Sie durften nur bleiben, weil die Mutter „arisch“ war und die Kinder mit Masern im Bett lagen. Doch die Situation blieb für die Familie sehr gefährlich.

Als Gertrauds Eltern von der Möglichkeit erfuhren, jüdische Kinder zu Pflegefamilien nach Schweden zu schicken, nutzten sie diese Gelegenheit. Natürlich waren sie sehr traurig darüber, sich von ihren Kindern zu trennen, doch sie wollten sie in Sicherheit bringen. In Schweden wurden die Geschwister auf verschiedene Pflegefamilien aufgeteilt, und Gertraud konnte in den ersten Wochen kaum etwas essen. Doch nach einiger Zeit durfte sie ihre Geschwister regelmäßig besuchen, und sie lebte sich ein. Ihre Mutter reiste den Kindern nach Schweden nach. Der Vater konnte als Jude nicht mehr legal ausreisen und flüchtete er über Italien und Frankreich in die Schweiz. Dabei wurde er mehrmals fast verhaftet und war sehr oft in großer Lebensgefahr. 

Nach dem Krieg konnten Gertraud und ihre Geschwister fast kein Deutsch mehr, und deshalb war es schwer für sie, als die Familie nach Wien zurückkehrte. Zudem machten sie wie viele jüdische Heimkehrer die Erfahrung, in Österreich nicht besonders willkommen zu sein. Doch dann fand Gertraud eine sehr nette Schule, wo sie freundlich empfangen wurde, und sie ist bis heute in Wien geblieben. 

Wir finden es sehr wichtig, dass Gertraud Fletzberger ihre Geschichte mit anderen Leuten teilt, denn sie zeigt, dass man nie aufgeben soll, auch wenn man sehr verzweifelt ist. Uns hat auch sehr beeindruckt, dass Gertraud so offen ist und trotz der schlechten Erinnerungen immer noch den Mut und Freude daran hat, mit anderen über ihr Leben zu sprechen.

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